SIG Sauer bringt mit der P385 eine komplett neue Pistolenfamilie auf den Markt. Die 9-mm-Plattform kombiniert das modulare Grundprinzip der P320 mit Konstruktionsideen aus der P365. Doch die größte Frage ist: Ist das der notwendige Befreiungsschlag?
SIG Sauer hat am 22. September im Rahmen von SIG NEXT 2026 eine neue Pistolenplattform vorgestellt. Der Name P385 ist dabei ziemlich direkt gewählt: SIG selbst bringt das Konzept auf die Formel „P320 + P365 = P385“. Vielleicht hätte man Sie dann lieber P685 gennant, aber geschenkt. Die neue Pistole soll die Modularität der P320 mit einigen technischen Lösungen der P365 verbinden. Dabei handelt es sich ausdrücklich um eine eigenständige Plattform und keine neue Variante der P320. Gleichzeitig wirkt die P385 fast wie ein Nachfolger der umstrittenen P320, wennglich SIG das dementiert.

Bild oben: Die komplette Familie der P385. Neben kompakten und "Full Size"-Varianten kommt auch eine "P385 MACH3D", ganz rechts im Bild, ins Rennen. Bild: SIG Sauer
Funktionen der SIG P385: Neue FCU, bekannte Magazine
Herzstück der P385 ist eine neue, seriennummerierte Fire Control Unit (FCU). Das Prinzip erinnert an die P320: Die eigentliche Abzugseinheit bildet den (waffenrechtlich relevanten) Kern der Pistole, um den sich Griffstück, Schlitten und Lauf konfigurieren lassen. Gleichzeitig orientiert sich aber die Konstruktion der FCU laut den ersten technischen Informationen stärker an der P365.

Bild oben: Die völlig neu konstruierte Fire Control UNit (FCU). Bild: SIG Sauer
Interessant für bestehende SIG-Schützen ist die Magazinlösung. Die P385 verwendet P320-Magazine. Je nach Konfiguration kommen 15-, 17- oder 21-Schuss-Magazine zum Einsatz. Das bedeutet: Wer bereits eine P320 mit entsprechendem Magazinbestand besitzt, kann diesen grundsätzlich auch für die P385 nutzen. Bei Holstern sieht die Sache selbstredend anders aus. P320- und P365-Holster sind NICHT mit der neuen Plattform kompatibel.
Beim Abzug setzt SIG auf den neuen "SIG Trigger Block". Dabei handelt es sich um eine integrierte Fallsicherung, die ohne die bei vielen modernen Striker-Fired-Pistolen bekannte vorstehende Abzugszunge auskommt. SIG verspricht einen sauberen Abzug und einen klar definierten Reset.

Bild oben: SIG Sauer verzichtet wieder auf eine Abzugszüngelsicherung wie der Rest der Industrie. Bild: SIG Sauer
Achja, Abzüge. Das vermutlich stressigste Thema im ganzen SIG Sauer Konzern. Du fragst dich jetzt: "Hm, wie waren denn die ersten Reaktionen im Netz?" Während reichweitenstarke Influencer die P385 klassisch vorstellten, geisterten innerhalb von wenigen Minuten die ersten Memes durchs Netz. So ganz scheinen die Menschen noch nicht vergessen zu haben, welche Skandale der P320 anhafteten. Auch diesmal wird die Zeit zeigen, ob die P385 als neue Pistolenfamilie überzeugt oder nicht.

Bild oben: Wie zu erwarten kamen direkt nach Präsentation der P385 die ersten Memes ans Tageslicht. Willkommen in der Szene 2026. Bild: Instagram.com/maroonedgunmemes
"P385 MagStrap": Griff anpassen ohne neues Griffmodul
Zurück zur P385: Ein weiteres neues Bauteil nennt SIG MagStrap. Das Griffsystem lässt sich an unterschiedliche Handgrößen und Grifflängen anpassen. Dafür stehen verschiedene Konfigurationen zur Verfügung. Dazu kommt eine lasergeschnittene Griffstruktur, die auch bei nassen Händen für einen sicheren Griff sorgen soll. Die Bedienelemente sind vollständig beidhändig ausgeführt. Eine manuelle Sicherung ist je nach Variante optional.

Bei der Optik geht SIG ebenfalls einen eigenen Weg. Alle fünf P385-Varianten sind für SIG-LOC PRO vorbereitet. Damit lassen sich unter anderem Optiken mit RMR- und DeltaPoint-Pro-Schnittstelle direkt montieren, ohne dass eine zusätzliche Adapterplatte benötigt wird.
Die Varianten der SIG P385 im Überblick
SIG bringt die P385 gleich in fünf Varianten auf den Markt. Die P385-CARRY kommt mit einem vier Zoll langen Lauf und einem Full-Size-Griff.

Die P385-FULL legt mit ihrem 4,7-Zoll-Lauf noch einmal bei Visierlänge und Gesamtgröße zu.

Die P385-COMPACT kombiniert den vier Zoll langen Lauf mit einem kürzeren Griff und 15-Schuss-Magazinen. Damit liegt sie zwischen der klassischen Full-Size-Pistole und den kompakteren Konfigurationen.

Die P385-COMPACT ist aber nicht zu verwechseln mit der P385-COMP. Die für dynamischere Anwendungen ausgelegte P385-COMP soll mit einem integrierten Kompensator dominieren.

Noch etwas spezieller wird es bei der P385-MACH3D: Hier sitzt der MACH3D-Kompensator am Mündungsbereich des Laufs. Diese Variante soll laut SIG Ende 2026 folgen.

Alle Varianten sollen in Schwarz und Coyote-Braun sowie jeweils mit oder ohne manuelle Sicherung erhältlich sein. Fast wie bei der P320. Interessant.
Die Zahlen und Fakten der P385
Bei der P385-CARRY sprechen wir über eine Striker-Fired-Pistole im Kaliber 9 mm Luger, einen 4-Zoll-Lauf, rund 183 Millimeter Gesamtlänge und etwa 820 Gramm Gewicht inklusive Magazin. Die Standardkonfiguration verwendet 17- und 21-Schuss-Magazine. Bei der P385-FULL wächst der Lauf auf 4,7 Zoll. Bei den COMP- und MACH3D-Modellen steht dagegen die Rückstoßkontrolle im Vordergrund. Die MACH3D nutzt dabei einen eigenen Kompensator, während die COMP den Kompensator direkt in die Verschlusskonstruktion integriert. Dazu kommen dann unterschiedliche XRAY3-Day/Night-Visierungen, eine M1913-Picatinny-Schiene und der bereits erwähnte SIG-LOC-PRO-Schnitt.
Ersetzt SIG Sauer die P320 mit der P385?
Die Frage ist eigentlich spannender als die technischen Einzelheiten. Die P320 hat SIG in den vergangenen Jahren vor allem über ihre Modularität und den Einsatz bei Militär und Behörden geprägt. Die P365 wiederum hat SIG im Bereich kompakter 9-mm-Pistolen extrem stark positioniert. Mit der P385 versucht der Hersteller jetzt, diese beiden Welten technisch zusammenzubringen und durch konstruktive Abgrenzungen zur kritikbehafteten P385 den Debatten aus dem Weg zu gehen.
Dabei fällt auf, wie stark SIG die neue Plattform auf aktuelle Trends ausrichtet. Optikmontage ab Werk, kompensierte Varianten, anpassbare Griffgeometrie, niedrige Laufachse und ein eigenes Rückstoßsystem gehören inzwischen zum Anforderungskatalog moderner Pistolen. SIG geht mit der P385 gleich mit mehreren dieser Themen an den Start. Gleichzeitig werden Bestandskunden nicht vor den Kopf gestoßen, da zumindest die P320-Magazine weiterhin nutzbar sind. Man bekommt eine neue Plattform, ohne beim Magazinbestand wieder komplett bei null anfangen zu müssen.
Noch keine konkreten Europa-Termine
Zum Start ist die P385 zunächst für den US-Markt vorgesehen. SIG spricht von einer Verfügbarkeit im Handel ab Herbst beziehungsweise Frühwinter 2026. Konkrete Angaben zur Verfügbarkeit in Europa oder Deutschland gibt es derzeit noch nicht, ebenso nicht zu Preisen.
Was bereits feststeht: Mit der P385 will SIG Sauer in einem Marktsegment mitspielen, in dem die Anforderungen inzwischen ziemlich klar sind. Modularität, Rotpunktvisier, kompakte Bauweise und möglichst gute Rückstoßkontrolle gehören zum Standardrepertoire moderner Striker-Pistolen. Spannend wird deshalb weniger die Frage, ob SIG diese Themen ebenfalls abdeckt. Interessant wird sein, wie sich die neue Plattform auf der Range tatsächlich schlägt – und ob die Mischung aus P320 und P365 in der Praxis genauso gut funktioniert, wie sie auf dem Papier klingt.
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