Praktisch & Taktisch

Neues Bundeswehr-Sturmgewehr: G95 kommt in den Serieneinsatz

Die Bundeswehr führt das Projekt "G95" so langsam dem Ende zu und endlich, endlich ist Sie da: Die finale Form des neuen Sturmgewehrs.

Mehr als zwei Jahre nach dem ersten umfassenden Bericht zum „System Sturmgewehr Bundeswehr“ erreicht das Projekt nun eine entscheidende Phase: Die Bundeswehr hat den finalen Konfigurationsstand des neuen G95-Gewehrs festgezurrrt, die ersten Systeme wurden bereits an die Truppe ausgeliefert und die geplanten Stückzahlen haben sich gegenüber dem ursprünglichen Vorhaben mehr als verdoppelt.

Hintergrund: Vom G36 zum System Sturmgewehr

Der Auslöser für das gesamte Vorhaben war der öffentlich gewordene G36-Bericht 2015, laut dem das G36 bei hoher thermischer Belastung an Präzision verliert, obwohl es ansonsten zuverlässig ist. 2017 startete die Bundeswehr daraufhin die Ausschreibung für ein „System Sturmgewehr Bundeswehr“, das aus drei Teilen besteht:
● Sturmgewehr (Waffe)
● Haupt-/Reflexvisier (Optik)
● Laser-Lichtmodul (LLM)
Anforderungen wie gleichbleibende Präzision bei starker Erwärmung, Einsatz in allen Klimazonen, volle Funktionsfähigkeit nach Unterwasserverbringung („Over-the-Beach“) sowie Kompatibilität mit Schutzausrüstung und Fahrzeugen machten das Projekt technisch wie organisatorisch anspruchsvoll.

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Vergabewirren und endgültiger Sieger

2018 begann eine umfangreiche Vergleichserprobung, bei der zunächst keine der eingereichten Waffen allesamt erfüllte. Nach Nachbesserungen 2019 bestanden alle Modelle die Tests, doch rechtliche Streitigkeiten verzögerten die Entscheidung. Zunächst wurde der thüringische Hersteller Haenel als Ausschreibungssieger vorgesehen, aber Heckler & Koch (HK) legte beim Bundeskartellamt erfolgreich Nachprüfungsantrag wegen möglicher
Patentverletzungen ein. Letztlich setzte sich das HK416-A8-Konzept von Heckler & Koch durch; juristische Auseinandersetzungen dauerten fast zwei Jahre, ehe die Beschaffung realisiert werden konnte.

Rahmenverträge und Stückzahlen

Die Bundeswehr hat inzwischen mehrere große Rahmenverträge abgeschlossen:
● Laser-Lichtmodule (Rheinmetall Soldier Electronics):
Ursprünglich bis zu 130.000 LLM im Wert von 178 Mio. €, später auf bis zu 250.000 Geräte mit einem Auftragsvolumen von rund 490 Mio. € erhöht.
Bereits fest beauftragt wurden etwa 130.000 Module für 255 Mio. €.
● Optiken (Leonardo Germany):
Haupt-/Reflexvisiere DR1-4× (Elcan) kombiniert mit Aimpoint-Acro-P2. Die Stückzahl wurde von ursprünglich rund 107.000 auf bis zu 250.000 Optiken
ausgebaut; das Gesamtvolumen steigt damit von 128 Mio. € auf circa 721 Mio. €.
Fest bestellt sind 50.000 Optiken für ca. 144 Mio. €.
● Sturmgewehre (Heckler & Koch):
Ursprünglich bis zu 118.718 Stück für rund 209 Mio. €, später auf bis zu 250.000 Gewehre mit einem Gesamtvolumen von etwa 800 Mio. € erweitert.
Fest beauftragt wurden rund 80.000 Gewehre für 250 Mio. €. Damit wurden insgesamt rund 85.000 Sturmgewehre, 130.000 Laser-Lichtmodule und 50.000 Visiere fix bestellt. Die Rahmenverträge erlauben langfristig die Beschaffung von bis zu 250.000 Gesamtsystemen je Waffe/Optik/LLM; Experten halten sogar einen Bedarf von über 500.000 Systemen für möglich, wenn die Bundeswehr auch die Nicht- und Reservekräfte vollständig ausrüsten will. Die Anschaffung wird über das Sondervermögen Bundeswehr und den regulären Verteidigungshaushalt (Einzelplan 14) finanziert.
 

Das neue G95-System: Varianten und Technik

Das neue Standardsturmgewehr der Bundeswehr basiert auf dem HK416 A8 und wird in
zwei Varianten beschafft:
● G95A1 (Langrohr): 16,5-Zoll-Lauf, 3,4 kg effektive Kampfentfernung bis etwa 450 m.
● G95KA1 (Kurzrohr): 14-Zoll-Lauf, 3,3 kg, Kurzversion u.a. für Spezialkräfte und spezialisierte Kräfte. 
Beide Varianten sind indirekte Gasdrucklader mit Kurzhub-Gaskolbensystem und Drehkopfverschluss, Kaliber 5,56×45 mm – damit kompatibel zu G36- und MG4-Munitionen (Hartkern, Doppelkern, Übungs-/Manövermunition etc.). Eine verstellbare Gasabnahme („S“ für Schalldämpfer / „N“ für Normalbetrieb) sorgt für stabilen Betrieb mit und ohne Signaturdämpfer. Wichtige Bedien-Elemente – Sicherung, Feuerwahlhebel, Magazinhaltehaken, Kammerfang
– sind beidseitig bedienbar; Magazinauslösung erfolgt über Push-Button, nicht mehr über Padelhebel wie beim G36. Die Munitionszuführung erfolgt über HK-Gen3-Kunststoffmagazine mit 30 Schuss.
 

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Bild oben: G95 in einer frühen Konfiguration mit ELcan DR1-4x. Die Prismenoptik erlaubt dem Schützen eine sekundenschnelle Umstellung von 1-fach auf 4-fache Vergrößerung.  

Optik-Kombi: ELcan DR1-4× + Aimpoint Aro P2
Ursprünglich sah das Vorhaben für die Optik nur ein prismatisches ELcan-DR1-4×-Hauptkampfvisier vor. Während der integrierten Nachweisführung fielen
jedoch über 25 Mängel auf, insbesondere:
● Unzureichende Transmissionswerte bei Dämmerung / Dunkelheit
● Keine Kompatibilität mit Nachtsichtgeräten
● Nur eingeschränkte Tag- und Nachteignung
Die Bundeswehr stellte 14 Änderungsforderungen, doch der Hersteller erklärte nachtsichtkompatible Anpassungen als nicht handelsüblich umsetzbar. Die Lösung: Zusatzbeschaffung eines Aimpoint Acro P2-Reflexvisiers, Beschaffung im geänderten Rahmenvertrag mit Leonardo. Diese „Kombilösung“ ist von Kritikern als teurer und schwerer als vergleichbare Alternativen (z.B. Hensoldt-4×-Prisma mit Acro P2 oder ganze deutsche Systeme wie von Steineroptik) eingestuft worden. Die Bundeswehr begründet die Entscheidung indirekt damit, dass eine Neueuschreibung des Optikpakets die ohnehin schon lange verzögerte Einführung des System Sturmgewehrs weiter nach hinten geschoben hätte.

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Bild oben: Für die Zielfindung unter erschwerten Lichtbedingungen wurde das Rheinmetall VarioRay beschafft. Es kombiniert die Nutzung von Weißlicht und IR bzw. sichtbaren Lasern. Bild: Rheinmetall

Laser-Lichtmodul LM-Vario Ray von Rheinmetall
Das LM-Vario Ray ist ein kompaktes Modul (ca. 250 g), das auf die NATO-Schiene 4694 montiert wird und über ein Trigger-Kabel bedient wird. Es kombiniert:
● Weißlicht-LED
● Sichtbaren Rot-Lasermarkierer
● Infrarot-Lasermarkierer
● Elektrisch fokussierbaren IR-Beleuchter
Alle Lichtquellen sind stufenlos regelbar; ein werkseitig justierter Laserblock erleichtert die exakte Ausrichtung. Das System soll die Bundeswehr bei Tag, Nacht und unter allen Witterungsbedingungen im Zusammenspiel mit Nachtsicht- und Bildverstärkergeräten  nutzen können.


Kostenrahmen und Zeitplan

Die bisherigen festen Beauftragungen summierten sich auf rund 670 Mio. €; bei vollständiger Ausschöpfung aller Rahmenverträge könnte das Gesamtvolumen auf etwa 2 Mrd. € anwachsen. Die Auslieferung der Seriengewehre läuft bereits, die erste Lieferung von 4500 kurzrohrigen G95KA1 ging an die Panzergrenadiere; einzelne Bataillone erhalten die ersten Systeme bereits im Einsatz. Die Bundeswehr plant, das System Sturmgewehr Bundeswehr über mindestens 25 Jahre zu nutzen. Die parallele Umrüstung von Spezialkräften (KSK/KSM) mit der G95K-A1-Basis soll die Teilelogistik und Ausbildung weiter vereinfachen, da viele Komponenten nun zwischen regulären und speziellen Truppen ausgetauscht werden können.