Ein Pulver, vier Kaliber: Wie universell ist BP102 wirklich?
Ein Wiederlader, der mehrere Patronensorten lädt, um viele Disziplinen schießen zu können, kann schnell an seine Lagergrenze für Treibladungspulver kommen. Daher besteht oft der Wunsch möglichst viele Patronensorten mit möglichst wenigen Treibladungspulvern abdecken zu können. Mir erschien das Pulver BP102 von Baschieri & Pellagri attraktiv, um eine Laborierung für .44 Magnum zu entwickeln. Da aber Ladedaten für die vier (in Deutschland) populärsten Kurzwaffenpatronen 9mm Luger, .45 Auto, .357 Magnum und .44 Magnum vom Hersteller bereitgestellt werden, liegt ein Test nahe, ob denn dieses bei uns noch weitgehend unbekannte Pulver so universell einsetzbar ist, wie es zuerst erscheint.

Bild oben: Die Verpackung des BP 102 kommt erstaunlich unaufgeregt daher. Gleichzeitig gefällt der Hang zum traditionell-italienischem Design.
Baschieri & Pellagri
Der italienische Munitions- und Pulverhersteller Baschieri & Pellagri (B&P) ist vor allem Flintenschützen ein Begriff. Mit einem breit gefächerten Programm an Schrotpatronen ist das Unternehmen auch auf dem deutschen Markt seit Jahren gut etabliert. Die Wurzeln von B&P reichen bis ins Jahr 1885 zurück, als das Unternehmen mit der Entwicklung und Herstellung von Treibladungspulvern begann. Auf dieser Grundlage konnte über Jahrzehnte hinweg umfassende Expertise aufgebaut werden, die heute in die Fertigung von Schrotpatronen für unterschiedlichste jagdliche, sportliche und behördliche Anwendungen einfließt.
Heute ist Baschieri & Pellagri Teil der Czechoslovak Group (CSG), wobei die Fiocchi Group eine maßgebliche Beteiligung hält. Im aktuellen Portfolio führt B&P 15 Treibladungspulver für Schrotpatronen, vier Pulver für Büchsenpatronen sowie drei speziell für Kurzwaffenpatronen entwickelte Sorten. Ergänzend dazu stellt der Hersteller für zwei der progressivsten Schrotpulver auch Ladedaten für Magnum-Kurzwaffenpatronen bereit, womit sich das praktisch nutzbare Angebot für Kurzwaffen auf insgesamt fünf geeignete Pulver erweitert.
BP102 von Baschieri & Pellagri - der unbekannte Alleskönner?
Das seit 2020 angebotene BP102 ist ein doppelbasiges Treibladungspulver in Form von abgeflachten Kügelchen unterschiedlicher Größe (0.2 bis 0.8 mm) mit einem gräulich glänzendem Erscheinungsbild. Das Pulver ist sehr feinkörnig mit verhältnismäßig hoher Schüttdichte von etwa 850g/l sowie guten Schütteigenschaften und lässt sich somit gut dosieren. In einem Pulverfüllgerät kommt es praktisch nicht vor, dass einzelne Körnchen abgeschert werden, wie es bei Stäbchenpulvern wie N340 vorkommen kann. Der Abbrand ist mittelschnell bis langsam, laut Hersteller vergleichbar mit Vihtavuori N350 bzw. 3N37 und damit geeignet für leistungsstarke Patronen mit eher hohem Druck, wie 9x21, .357 Magnum sowie .44 Magnum.

Bild oben: Vergleich dreier Pulver: Links 3N37, mitte BP102, rechts N340. Man beachte die Feinkörnigkeit des Pulvers.
Durch das tiefer gesetzte Geschoss der 9x21 (hierbei handelt es sich um die zivile Version der 9x19 in Italien) kommen die beiden Patronen auf ähnliche Gesamtlängen und damit vergleichbare Brennraumvolumina, welche mit gleichem Maximaldruck (nach C.I.P.) beaufschlagt werden. Deshalb gelten für diese beiden Patronen im B&P Ladehandbuch die gleichen Ladedaten. Der Hersteller bestätigt, dass das 2023 erschienene und nur elektronisch zur Verfügung gestellte Ladehandbuch das bei Erscheinen dieses Artikels aktuelle Handbuch darstellt. In diesem wird das Pulver BP102 zwar nicht explizit für die Verwendung in der Patrone .45 Auto mit ihrem niedrigeren Maximaldruck (Pmax 1300 Bar statt 2350 Bar bei 9mm) empfohlen, aber es werden Ladedaten bereitgestellt, weswegen somit das zu testende Patronenquartett vollständig ist. Vorsicht! B&P hat zuvor mit BP01 bis BP09 bezeichnete Treibladungspulver angeboten. Bei diesen nun nicht mehr erhältlichen Pulvern handelt es sich um von den heutigen gänzlich verschiedene und deshalb sind auch alte Ladedaten nicht übertragbar!
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Geschosswahl beim BP102 Pulver
Die Ladetabellen der Pulverhersteller listen häufig genaue Angaben zu den Komponenten, insbesondere zu den Geschossen, die aber vielleicht nicht immer zur Verfügung stehen. Mit etwas Erfahrung kann man diese Angaben zur Orientierung heranziehen, um eine Ladeleiter mit den vorhandenen Komponenten zu erstellen und so eine neue Ladung zu entwickeln. Natürlich gilt der Grundsatz, dass jeder Wiederlader selbst für sein Tun verantwortlich ist und insbesondere Anfänger sich genau an die Vorgaben aus den Ladehandbüchern der Pulverhersteller halten! Ich verwende für diesen Test Geschosse, die sich in Laborierungen mit anderen Pulvern in den mir zur Verfügung stehenden Waffen bewährt haben, mit Ausnahme des 158gn-Geschosses für .357 Magnum. Dieses Geschoss von Fiocchi wurde extra für diesen Test besorgt, um hier den Laborierungen aus dem Ladehandbuch besonders nahe zu kommen. Einziger Unterschied: Das Handbuch schlägt JSP-Geschosse von Fiocchi vor, hier wurde die sehr ähnliche SJ-Variante verwendet.

Bild oben: Die getesteten Patronen von links nach rechts: 9mm 115gn HP, 9mm 125gn TC, .45 Auto 195gn SWC, .357 Magnum 158gn SJ, .357 Magnum 180gn FP, .44 Magnum 245gn FP, .44 Magnum 240gn HP
Bei den sechs anderen Geschossen handelt es sich um verkupferte Geschosse, entweder von H&N (HS, also „High Speed“) oder von Frontier (CMJ, „Complete Metal Jacket“). Die dünne Kupferschicht der H&N-Geschosse macht diese Geschosse ähnlich weich wie Bleigeschosse, was zu einem geringen Startdruck führt. Die CMJ-Schicht von Frontier ist etwas dicker, aber noch nicht so fest wie „echte“ Vollmantel, was bei sonst gleichen Geschossen die Entwicklung eines etwas niedrigeren Maximaldruck in der Patrone erwarten lässt.
Ich verwende gern das 180gn schwere FP-Geschoss von Frontier in Verbindung mit 3N37 als Treibladungspulver. Das Ladehandbuch von B&P listet ein 170gn schweres Bleigeschoss als schwerste Variante für die Patrone .357 Magnum. Abweichend vom Ladehandbuch wurde hier mit einer Ladeleiter experimentiert, um festzustellen, ob sich dieses Geschoss mit dem untersuchten Pulver kombinieren lässt.
9mm Luger
Das Ladehandbuch listet das Fiocchi FMJ-RN mit 115gn bzw. 123gn Gewicht und einer Patronenlänge von 29.2mm. In diesem Test werden die weicheren H&N 115gn HS-HP und H&N 125gn HS-HP verwendet, allerdings verlangt die verwendete Testwaffe mit diesen Geschossen eine Patronenlänge von nur 27.5mm, um zuverlässig zu repetieren. Während das 115gn H&N-Geschoss etwas kürzer ist, als sein Fiocchi-Gegenstück, sind die ca. 123gn schweren ungefähr gleich lang. Da sich durch das tiefere Setzen des Geschosses der Brennraum verringert, ist mit größeren Drücken zu rechnen, weshalb die Ladeleitern unterhalb der Mindestladung begonnen wurden und mit besonders großer Vorsicht erstellt sowie getestet wurden.
Beginnend mit dem leichteren Geschoss stellt sich heraus, dass Ladungen unter 5.3gn tatsächlich zu schwach sind, sowohl in Bezug auf Zuverlässigkeit, als auch in Bezug auf den DSB-MIP bzw. BDS-Faktor. Eine Ladung von 5.5gn liefert bei diesem Test allerdings beeindruckende Präzision mit 372m/s aus dem 6“-Lauf (entsprechend 277 MIP bzw. Faktor 140). Größere Ladungen funktionieren weiterhin zuverlässig, aber die Streukreise vergrößern sich während Überdruckanzeichen ausbleiben.
Trotz der größeren Setztiefe als vorgeschlagen wird mit den 125gn HS-TC-Geschossen die gesamte Ladeleiter aus dem Handbuch von 5.4gn bis 6.1gn gebaut und vorsichtig getestet. 5.7gn liefern hier die beste Präzision bei 365m/s (296 MIP bzw. Faktor 149). Überdruckanzeichen durch den verringerten Brennraum bleiben über die gesamte Ladeleiter aus, allerdings fühlen sich Ladungen ab 5.9gn und höher recht hart in der Waffe an.
.45 Auto
Orientiert an den Ladedaten aus dem Handbuch für ein 200gn SWC-Geschoss wurde eine Ladeleiter mit 6.5gn bis 7.3gn versucht. Eigentlich verlangt diese Patrone ein sehr offensives Pulver, und so stellt sich heraus, dass mit dem eher mittelschnellen BP102 die niedrigen Ladungen bis 6.9gn so schwach sind, dass sie zu Ladehemmungen führen und brennende Pulverkörner den Schützen beeinträchtigen. Die größte Ladung ist allerdings durchaus brauchbar, sowohl in Präzision, als auch Zuverlässigkeit. Aus dem 6“-Lauf ergaben sich 246m/s, wodurch die Grenzen mit 311 MIP bzw. Faktor 157 so eben gerissen wurden.
.357 Magnum
Wie erwähnt, wurde mit einem 180gn Frontier-Geschoss experimentiert, obwohl das Ladebandbuch ein 170gn Bleigeschoss als schwerstes Geschoss listet, welches mit Ladungen zwischen 7.2 und 7.8gn BP102 zu beaufschlagen ist. Bei dem erhöhten Geschossgewicht soll hier die Ladeleiter noch 10% niedriger beginnen und ein Blick auf die kleinen Ladungen für .38 Special lassen vermuten, dass eine Reduzierung möglich ist. Ich entscheide mich, die Ladeleiter bei 6.4gn zu beginnen und mich langsam vorzuwagen. Es stellt sich heraus, dass Ladungen von 6.4gn bis 7.0gn brauchbare Präzision liefern, bei letzterer der entstehende Druck die Hülsen aber derart weitet, dass diese nur schwierig zu extrahieren sind. Höhere Ladungen werden daher nicht mehr getestet. Bei 7.0gn beschleunigt der verwendete S&W 686 die Geschosse auf nur 259m/s; zu wenig, um im DSB oder BDS regelkonform verwendet zu werden.
Nun soll noch eine .357 Magnum-Ladung versucht werden, wie sie im Ladehandbuch vorgeschlagen wird: Das 158gn Fiocchi Geschoss mit 8.5gn bis 9.2gn BP102 und Magnumzündern. Erst bei 8.8gn werden 350m/s Geschossgeschwindigkeit erreicht und damit das untere Limit, um den DSB-MIP bzw. den BDS-Faktor zu erreichen, allerdings ließen sich auch hier die Hülsen nur noch mit Werkzeug aus den Kammern extrahieren. Mit diesem Geschoss liefert BP102 in einer .357 Magnum Patrone also entweder zu wenig Leistung oder ist mindestens unpraktisch in der Verwendung, da die Hülsen sich nur noch schwierig aus der Trommel entfernen lassen.
Angesprochen auf dieses Ergebnis erklärt der Hersteller, dass natürlich andere Maße der verwendeten Waffe und der verwendeten Komponenten wie auch leichte Variationen in den Chargen des Pulvers sowie die Temperatur die entstehenden Drücke beeinflussen. Deshalb wird empfohlen, bei jeder Veränderung bei der gelisteten Minimalladung oder besser 5% darunter zu starten und die Ladung langsam zu steigern. Weiterhin gibt der Hersteller Einblick in die Untersuchungen, die zu den veröffentlichten Ladedaten geführt haben: Diese wurden am nationalen Teststand in Gardone Val Trompia durchgeführt. Deren Tests mit Federal GM 100 SPP, 158gn Fiocchi SJSP und medium roll crimp lieferten mit 9.5gn BP102 in .357 Magnum 2637 Bar und blieben damit unter dem CIP-Maximum. Bei Verwendung von CCI 550 Magnum-Zündern wurde das Maximum mit 3120 Bar allerdings leicht überschritten, was zur empfohlenen Maximalladung von 9.2gn führte. Die beobachteten Überdruckanzeichen bei meinen Tests hält der Hersteller vor dem Hintergrund der eigenen Erfahrung für eigenartig.
.44 Magnum
Es bleibt die Leistungsstärkste Patrone im Bunde zu testen: Es wird sich an den Ladedaten für ein 240gn Fiocchi-Geschoss orientiert, nach den Erfahrungen mit der .357-Magnum-Patrone aber die Ladeleiter wieder weiter unten begonnen. Ein Blick auf Ladedaten für .44 Special, die auf einen wesentlich geringeren Spitzendruck beschränkt ist, lässt vermuten, dass da noch „Platz nach unten ist“, ohne in gefährliche Situationen zu geraten. Für beide getesteten Geschosse wird die Ladeleiter bei 10gn begonnen, und sich langsam gesteigert. Bei beiden Geschossen gleichermaßen stellt sich die beste Präzision bei 11.3gn ein, allerdings gibt es mit den H&N-Geschossen einzelne Flyer. Diese Flyer wurden allerdings auch mit anderen Treibladungspulvern im Zusammenspiel mit den H&N HP-HS aus dieser Charge beobachtet und daher nicht dem hier verwendeten BP102 zugesprochen. Bei größeren Ladungen weiten sich die Streukreise wieder, bis sich bei 12.0gn die Hülsen spürbar schwerer aus der Trommel entfernen lassen. Die Ladungs-Obergrenze im Handbuch scheint hier also gut gewählt.
| Patrone | 9mm | 9mm | .45 Auto | .357 Mag | .357 Mag | .44 Mag | .44 Mag |
| Geschoss | H&N HS-HP | H&N HS-TC | H&N HS-SWC | Fiocchi SJSP | Frontier CMJ-TC | Frontier CMJ-TC | H&N HS-HP |
| Gewicht | 115gn | 125gn | 195gn | 158gn | 180gn | 245gn | 240gn |
| OAL | 27.5mm | 27.5mm | 31.5mm | 40.5mm | 40.5mm | 41.6mm | 41.6mm |
| Zünd-hütchen | Magtech SPP | Magtech SPP | Fiocchi LPP | Magtech SPMP | Fiocchi SPP | CCI LPMP | CCI LPMP |
| Ladung | 5.5gn | 5.7gn | 7.3gn | 8.8gn max! | 7.0gn max! | 11.3gn | 11.3gn |
| v3 | 372m/s | 365m/s | 246m/s | 350m/s | 259m/s | 321m/s | 313m/s |
| MIP/Faktor | 277/140 | 296/149 | 311/157 | 358/181 | 302/153 | 510/258 | 496/251 |
Tabelle oben: Die besten Laborierungen aus diesem Test mit BP102 im Überblick. Die .357 Magnum-Ladungen werden dennoch nicht empfohlen, da Überdruckanzeichen beobachtet wurden und die Geschossenergie dennoch zu niedrig blieb.
Fazit - Wieviel taugt das italienische Universalpulver BP102?
Das Pulver BP102 von Baschieri & Pellagri wird rund 10% günstiger gehandelt, als z.B. das der finnischen Mitbewerber, es lässt sich gut verarbeiten und der Hersteller liefert Ladedaten u.a. für alle vier der gewöhnlichsten Grosskaliberpatronen. Interessanterweise erwies es sich in den Tests als ungeeignet in .357 Magnum Patronen, stellte in .45 Auto aber mindestens eine Kompromisslösung dar, trotz des für diese Patrone eigentlich zu progressiven Verhaltens. In .44 Magnum mit den 240gn schweren Frontier Geschossen ergaben sich brauchbare Patronen und in 9mm Luger beeindruckte das Pulver sowohl mit 115gn, als auch mit 125gn schweren Geschossen. Es steht zu vermuten, dass sich das getestete Pulver ebenso gut mit noch schwereren 145gn Bleigeschossen kombinieren lässt, wenn die Waffe eine größere Patronenlänge zulässt, als die hier verwendete; an dieser Stelle lässt sich vielleicht in Zukunft nochmal ansetzen. BP102 ist damit wohl insgesamt nicht das erhoffte Wundermittel, um alle Kurzwaffenpatronen abzudecken, aber es ist für 9mm Luger ein attraktiver Kandidat und für .44 Magnum hat sich für mich ein neues Experimentierfeld eröffnet.
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