Fast unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit hat die U.S. Army die ersten Exemplare der Karabinerversion ihres neuen Standardgewehrs erhalten. Die Waffe, bislang als M7 bekannt, wird in ihrer verkürzten Ausführung künftig als XM8 geführt. Leidenschaftliche Heckler & Koch-Fans dürfte das sauer aufstoßen, ist doch die Bezeichnung XM8 doch eigentlich mit legendären HK XM8 behhaftet. Nun denn: Hersteller ist nun SIG Sauer – entwickelt im Rahmen des Next Generation Squad Weapons (NGSW)-Programms.
Die Eckdaten klingen zunächst nach einer Reaktion auf Kritik: 3,5 Zoll kürzer, über ein Pfund leichter als das ursprüngliche M7. Hintergrund ist eine Debatte, die das neue System von Anfang an begleitete: Gewicht und Handhabung. Schon ohne Schalldämpfer und das computergestützte Feuerleitvisier XM157 brachte das M7 rund 3,8 kg auf die Waage – deutlich mehr als der bisherige Standardkarabiner M4 im Kaliber 5,56 × 45 mm mit etwa 2,9 kg. Für eine Waffe, die primär von Infanteriekräften getragen wird, ein relevanter Unterschied: "Ounces equal pounds." Aus Gramm werden Kilos.
Schlankheitskur für das NGSW
Für das XM8 wurde das Gehäuse überarbeitet, das Laufprofil angepasst und die klappbare Schulterstütze entfernt. Übrig blieb eine längenverstellbare Schubstütze nach M4-Vorbild. Die Lauflänge schrumpfte auf rund 10 Zoll. Auch der Schalldämpfer wurde verkürzt und mit einem Hitzeschild aus Titan versehen, um die Wärmeabstrahlung zu reduzieren. Das verschlankt das XM8 für die U.S. Army auf rund 3,3 kg ohne Zubehör. Mit Schalldämpfer (ca. 660 g) und XM157-Optik (geschätzt rund 1 kg) relativiert sich dieser Wert allerdings schnell wieder.


Bild ganz oben: Eine frühe Version des M7 - man achte auf den deutlich längeren Lauf. Quelle: www.twz.com Bild oben: Die neue, kurze XM8 Version. Quelle: youtube.com/@TaskAndPurpose
Gerade durch den kürzeren Lauf wird der Schalldämpfer noch wichtiger. Die 6,8 × 51 mm Hochdruckmunition mit Hybrid-Metallhülse erzeugt erhebliches Mündungsfeuer und -knall – Signaturmanagement wird damit direkt zur Notwendigkeit.
Kritik am XM8 für die US Army
Gleichzeitig gibt es deutliche Kritik – und die richtet sich weniger gegen die Waffe als gegen das Konzept der Munition. Mit 6,8 × 51 mm bewegt man sich wieder klar im Bereich eines Battle Rifles. Battle Rifles - jenes Konzept, dass vorallem im Kalten Krieg durch das Heckler & Koch G3 sowie FN FAL oder den M14 Karabiner geprägt wurde. Hohe Energie, hohe Reichweite, hohe Durchschlagsleistung. Doch entspricht das noch den Lehren moderner Feuergefechte?
Ein Blick auf aktuelle Konflikte wie in der Ukraine zeigt ein anderes Bild. Realistische Kampfentfernungen liegen häufig unter 300 Metern. Überlegenheit entsteht nicht zwingend durch maximale Einzelleistung, sondern durch Munitionsmenge, Führigkeit der Waffe und Durchhaltefähigkeit des Schützen. Schwerere Munition bedeutet weniger mitführbar Munition. Mehr Rückstoß bedeutet geringere Kadenz in der Praxis. Mehr Gewicht am Mann bedeutet geringere Beweglichkeit und wiederspricht damit den modernsten Erfahrungen westlicher Streitkräfte.
Die Entscheidung wirkt in Teilen wie eine Rückbesinnung auf alte Konzepte: maximale Wirkung pro Schuss statt hoher Feuerdichte. Ob sich dieser Ansatz im Gefecht des 21. Jahrhunderts bewährt, wird sich erst zeigen müssen. Unstrittig ist: Die U.S. Army rüstet ihre Streitkräfte nun mit diesem System aus, das auf Durchschlagsleistung gegen moderne Schutzwesten und zukünftige Bedrohungen ausgelegt ist. Die Frage ist nur, ob diese Priorität im realen Gefechtsbild den größten Mehrwert bringt.



